Von der Schulbank ins Berufsleben

Von der Schulbank ins Berufsleben

Editorial

Und dann ist es soweit: Die Werkstore öffnen sich und die Ausbildung beginnt. Für viele junge Menschen beginnt eine Zeit voller Erwartungen und auch Un sicherheiten. Denn der Wechsel von der Schule in das Berufsleben ist auch ein Wechsel in eine andere Welt, mit anderen Gepflogenheiten und Regeln. Speziell für junge Azubis bot der Arbeitgeberverband Chemie Rheinland-Pfalz das Seminar von der „Schule in die Berufswelt“ an. Aufgrund der großen Anmeldezahlen wurden daraus zwei parallele Veranstaltungen - eine bei Thor in Speyer und eine beim Frosch in Mainz. Es ging um Erwartungen, Rollen und Orientierung im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten. Lesen Sie die Essenz daraus im vorliegenden festgehalten.

Was macht das Berufsleben aus?

Stille herrscht zunächst im Raum und es bilden sich kleine Gruppen. Wer sich bereits kennt, steht zusammen. Alle anderen nutzen nochmal Gelegenheit, um die Handys auf neue Nachrichten zu prüfen. Die völlig normale Gruppenbildung sanft aufzulösen, ist für die Trainerinnen nach der Begrüßung die erste Maßnahme.

„Ich möchte die jungen Menschen ins Gespräch miteinander bringen, denn Kommunikation ist eine der wichtigen Grundlagen für den Lernerfolg“, erklärt Karolina Lüft.

 

Die Trainerin betreut die Gruppe in Mainz. Hier stellen sich die Azubis gegenseitig vor. In Speyer funktioniert das Kennenlernen sehr gut über erste Interaktionen. In nur 90 Sekunden setzen die Azubis intuitiv um, worauf es auch im Berufsleben ankommt: Zusammenkommen, freundlich grüßen sowie eine Aufgabe gemeinsam unter Beachtung von Regeln lösen.

Danach geht es in den Austausch über Erwartungen, Ziele und Ängste: Welches Ziel verfolge ich in der Ausbildung? Was mache ich, wenn ich einen Fehler gemacht habe? Hinzu kommen Fragen nach dem richtigen Umgang mit den Vorgesetzten und Kollegen: Wer gibt wem die Hand? Was mache ich, wenn ich erkältet bin? Was bedeutet „angemessenes Verhalten“? In den Seminaren gab es keine Checklisten für ein optimales Verhalten. Vielmehr wurden die Azubis angeregt, sich selber zu reflektieren. Anschließend wurden die Antworten und Hilfestellungen zur Orientierung gemeinsam erarbeitet. Und das markiert bereits den wesentlichen Unterschied zur Schule. „Berufsleben bedeutet mehr eigene Verantwortung für den Lernertrag“, so Karin Döring. Sie leitete das Seminar in Speyer.

 

Ausbildung prägt die Persönlichkeit

Die Sinus-Studie von 2016 zeigt auf, dass die Lebenswelten der Jugendlichen weiterhin vielfältig sind. Doch egal aus welcher Lebenswelt die Jugendlichen kommen - Wertschätzung und der respektvolle Umgang ist allen wichtig. Azubis möchten nicht das Gefühl haben, für ungeliebte Tätigkeiten im Betrieb herhalten zu müssen. Sie wollen bereits früh mehr Verantwortung übernehmen und mehr Freiheiten genießen. Die positive Nachricht ist, dass dies die Chemie-Betriebe bieten. Dazu gehört auch, dass dies ein Zusammenspiel auf Gegenseitigkeit ist. Konnte man sich in der Schule noch in seine Komfortzone zurückziehen, gehört es zum Berufsleben dazu, mit jedem reden zu können. Damit dies auch respektvoll geschieht, ist es wichtig, ein Verständnis für die Rolle der Ausbilder und der Azubis zu haben. Das lernten die Teilnehmer zum Beispiel durch Tangram. Dazu später mehr. Im Seminar lernen die jungen Menschen, dass Verantwortung zu übernehmen auch bedeutet, souverän zu sein. „Es geht darum, sich selbst nicht „klein zu machen“, sondern Fragen zu stellen und auch nach der Berufsschule nochmal das Buch aufzuschlagen und zu lernen“, betont Karolina Lüft. Und es geht um den richtigen Umgang miteinander. Zum Beispiel die Anrede: „Ich bin der Karl, Dein Ausbilder. Und wenn Du was brauchst, sprich mich an.“ – Während in der Produktion das Duzen üblich ist, gilt in der Verwaltung häufiger das Sie. Grundsätzlich kein Problem. „Wenn der Vorgesetzte duzt, dann gilt dies für beide Seiten. Ein Du/Sie-Verhältnis passt nicht“, sagt Karolina Lüft. Die Psychologin warnt die Azubis gleichzeitig: „Ein Vorgesetzter der geduzt wird, ist nicht gleich der beste Freund. Er ist immer noch Vorgesetzter.“

Umgangsformen

Wer mehr Informationen zu Umgangsformen sucht, kann sich an den deutschen Knigge-Rat wenden. Die Mitglieder arbeiten unabhängig und ehrenamtlich. Der Expertenkreis setzt sich mit neuen Trends, Ideen und Fragestellungen zu zeitgemäßen Umgangsformen auseinander. Auf der Webseite gibt es auch einen Blog: www.knigge-rat.de

 

Was passiert mit dem Olivenkern?

Während man sich auf der Klassenfahrt noch rausreden kann, wenn man gegen die Regeln der Lehrer verstößt, geht dies bei Veranstaltungen im Betrieb nicht mehr so einfach. So beim gemeinsamen Essen. Beispielsweise gilt beim Büfett die reguläre Speisefolge (Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise). Wer keinen Appetit auf die Vorspeise hat, macht einfach eine kleine Pause und wartet auf die anderen Tischgäste. Hinzu kommen Regeln zur Besteckreihenfolge, korrektes Ausleeren der Suppentasse und wo der Olivenkern oder das zähe Stück Knorpelfleisch „entsorgt“ wird. Nicht nur beim Essen, auch bei einem Treffen mit der Geschäftsführung oder der Betreuung eines Gastes ergibt sich die Gelegenheit des SmallTalks. Zwanghaft geführte Gespräche können dabei ebenso peinlich werden, wie lange Stille. Da der gut geführte Small-Talk ein wichtiger Beitrag für den gemeinsamen höflichen und wertschätzenden Umgang ist, wurde auch dieser im Seminar angesprochen und erlernt. Wer nach Faustformeln sucht, ist mit dem Einstiegsthema „Wetter“ hervorragend bedient. Zugegeben klingt es nicht spannend, aber es kann Ausgangspunkt für viele andere Themen sein, wie Wandern, Sport und Theater. Wichtig ist jedoch nicht nur der gelungene Einstieg – es ist auch eine Kunst, das Gespräch im Fluss zu halten und professionell zu beenden. Den richtigen Abgang zu finden kann auch helfen, um sich zum Beispiel von gesprächsfreudigen Kollegen abzusetzen.

Begrüßung

Vor dem Small-Talk kommt die Begrüßung. Und der richtige Handschlag will auch gelernt sein. Im Seminar ging es von „Knochenbrechern“ und „toten Fischen“ hin zum richtigen Händedruck und vernünftigen Stand. Grundsätzlich gilt: Souverän tritt auf, wer mit beiden Füßen einen festen Stand hat und einen kräftigen Händedruck aufweist. Der Blickkontakt rundet das Bild ab.

Trainings-Hilfe aus China

Manchmal ist es hilfreich, die Rollen zu tauschen, um ein besseres Verständnis für den Gegenüber zu bekommen. Wenn dies spielerisch erfolgt, vereinfacht dies den Lernprozess. Zum Beispiel mit Tangram. Tangram ist ein altes chinesisches Legespiel und besteht aus sieben geometrischen Formen. Aus diesen Formen können zahlreiche verschiedene Figuren gelegt werden, die mit ein wenig Phantasie Menschen, Häuser oder Enten ergeben. In diesem Rollenspiel saßen zwei Personen mit dem Rücken zueinander: Eine hatte die geometrischen Figuren vor sich auf einem Tisch liegen. Die andere Person hatte das Bild der zu legenden Figur in der Hand. Durch passende Anweisungen und Rückfragen galt es, die Figur auf dem Blatt mit den geometrischen Formen auf dem Tisch nachzubauen. Daraus ergaben sich nicht nur unterhaltsame Minuten und spannende Ergebnisse auf dem Tisch. Die Teilnehmer lernten zudem, dass richtige Kommunikation hilft, Inhalte verständlicher zu machen. Ausbilder brauchen die Fragen als wichtige Rückkoppelung von den Azubis. Die Fragen geben den Ausbildern eine Orientierung, wo die Azubis stehen und was getan werden muss, um die gesteckten Ziele zu erreichen. In Speyer erfolgte das Erarbeiten von Teamfähigkeit und Kooperationsfaktoren über eine Interaktion, bei dem die Hälfte der Azubis mit verbundenen Augen eine Aufgabe erfüllen musste und dabei von den „Sehenden“ angeleitet wurde. Durch dieses emotionale Lernen erfuhren die Azubis, was es bedeutet zu führen, Vertrauen zu entwickeln und sich durchzusetzen – auch ohne laute Stimme. Der Erfolg dieser Übung zeigte sich durch eine intensiv geführte Auswertung und spürbaren Verbesserungen bei den anschließenden Wiederholungen.

Welche Erwartungen haben Azubis an die Unternehmen?
Der richtige Umgang im Betrieb als Azubi
Tangram ist eine gute Kommunikationsübung
Trainierin Karin Döring

Lernen lernen

Eine Konstante beim Wechsel von der Schulbank in den Beruf ist die Notwendigkeit des Lernens. Und hier gibt es bekannte Herausforderungen: Das neue Wissen will manchmal einfach nicht in den Kopf hinein. Das kann mit der Art des Lernens zusammenhängen. „Wer sein Lernverhalten und seine Lernhemmnisse analysiert, findet sehr schnell heraus, wie er es optimieren kann“, unterstreicht Karin Döring. Im Seminar wurde den Azubis erklärt, wie sich durch „Tricks“ mehr Informationen im Gehirn speichern lassen. Bekannte Gedächtniskünstler arbeiten erfolgreich mit Techniken, um Informationen zu bündeln oder geschickt zu verknüpfen. „Je mehr Kanäle wir nutzen, desto höher ist der Lernertrag“, fasst Karolina Lüft zusammen. Kanäle können zum Beispiel Orte oder auch Farben sein. Was am besten hilft, hängt auch vom Lerntyp ab. Neben den „Tricks“ helfen auch Klassiker, wie die Wiederholung. Hier sollte man auf die richtige Dosis achten. Denn wer zu viel in zu kurzer Zeit will, provoziert den bekannten „Blackout“: Der betroffene Mensch kann sich plötzlich an nichts mehr erinnern. Der Grund ist, dass unser Gehirn eine Art „Überhitzungsschutz“ hat. Hilfreich ist es, kleine Lerneinheiten zu bilden und diese zu wiederholen. Zum Ende des Seminars in Speyer hieß es dann, Ziele zu formulieren. „Nur wer weiß, wohin er will und sich mit seinen Chancen und Risiken vertraut macht, kommt erfolgreich an sein Ziel – auch wenn es zwischendurch mal eng wird oder Unvorhergesehenes passiert“, schließt Karin Döring.

Vielschichtig

Nicht alle Inhalte des Seminars kann das vorliegende festgehalten wiedergeben. Weitere Themen waren unter anderem auch Feedback-Regeln und Kritik üben sowie gute Kommunikation im Berufsalltag.

Karin Döring

„Gerade Berufsanfänger bringen viel Schwung an Motivation, Leidenschaft und Begeisterung für Neues mit. Der Übergang und der Start ins Berufsleben sind prägend: Was sie hier erleben und wie hier mit ihnen umgegangen wird, hat Einfluss auf ihr späteres Verhalten.“

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