Neue Wege gehen

Chemieverbände Rheinland-Pfalz Jahresbericht 2018

Die deutsche Chemie ist gut aufgestellt und kann auch in Zukunft einer der bedeutendsten Standorte der Welt bleiben. Dafür braucht es aber richtige strategische Entscheidungen. Denn der Wettbewerb wird intensiver: 40 Prozent der chemischen Erfindungen kommen mittlerweile aus Asien. Um weiter erfolgreich zu sein, müssen Politik und Unternehmen bekannte Pfade überdenken und auch verlassen.

Die deutsche Chemie steht gut da. Unser Geschäftsmodell trägt sehr gut, unsere Waren werden weltweit stark gefragt und gegenwärtig bringen auch klassische Produkte und Grundstoffe gute Ergebnisse. Gleichzeitig ist die Welt in Bewegung: politische Unsicherheiten nehmen zu, Marktzugänge werden schwieriger und Asien gewinnt Marktanteile sowie Know-how. Neue Geschäftsmodelle und Innovationen stehen im Raum – auch, aber nicht nur durch die Digitalisierung.

Welche Rolle spielt hier die deutsche und damit auch rheinlandpfälzische Chemie? Fallen wir global zurück oder schaffen wir es, weiter an der Spitze zu bleiben? Mit einem teuren Standort brauchen wir dazu die besten Produkte, Köpfe und Geschäftsideen. Dafür müssen wir unsere bestehenden Stärken ausbauen – aber auch neue Wege gehen.

Lassen bestehende Regulierungen neue Wege zu?

Im hochregulierten Deutschland ist es nicht einfach, Innovationen an den Markt zu bringen und neue Technologien zu nutzen. Gentechnik und Nanotechnologie sind Beispiele. Der Koalitionsvertrag verspricht Verbesserungen und wir werden die Politik an ihrem Wort messen. Insgesamt sind Ansätze für eine gute Industriepolitik in Berlin und Brüssel erkennbar, zum Beispiel mit dem Bündnis „Zukunft durch Industrie“ und der Initiative „Better Regulation“. Auf Landesebene gibt es in Rheinland-Pfalz den industriepolitischen Dialog. Doch das Umfeld für industrielle Produktion und Forschung hat sich kaum verbessert. Die Regulierung wird immer engmaschiger und die Kosten höher.

In neue Wege investieren – leichter gesagt als getan

Als weitere gravierende Hemmnisse gelten laut ZEW*-Befragungen ein zu hohes wirtschaftliches Risiko und zu hohe Innovationskosten. Die Bedeutung der Hemmnisse hat so stark zugenommen, dass dies zur Einschränkung von Innovationsaktivitäten beitrug, indem diese verzögert, abgebrochen oder erst gar nicht begonnen wurden. Laut ZEW** hat zwischen 2011und 2013 jedes siebte KMU seine Innovationsprojekte aufgrund fehlender Mittel zurückgestellt.

„Ideen haben wir genug. Nur solange sich unsere Entwickler mehr mit Gesetzgebung beschäftigen müssen, dauert und bremst das alles.“
Peter Jansen, Geschäftsführer

Der Anteil der FuE-Ausgaben, gemessen am Umsatz, fällt je nach Branche unterschiedlich aus. Den höchsten Anteil mit 9,1 Prozent weist die Elektroindustrie auf. Auf die chemisch-pharmazeutische Industrie entfallen rund 5,6 Prozent der FuE-Ausgaben. Der Schnitt im Verarbeitenden Gewerbe lag bei rund 4,1 Prozent. So die statistischen Zahlen für das Jahr 2015.

Der Verband der Chemischen Industrie setzt sich seit längerem dafür ein, dass die Politik stärkere Anreize für alle Unternehmen bei der Finanzierung setzt, als dies aktuell der Fall ist. Besonders Unternehmen, die Innovationen zur Marktreife bringen und weltweit ausrollen wollen, benötigen oft Venture Capital in hohen zweistelligen Millionenbeträgen. Steuerliche Forschungsförderung, unbürokratische Projektförderung sowie Wagniskapital (Venture-Capital) sind Stellschrauben, die eine höhere Priorität haben sollten.

Venture-Capital-Gesellschaften haben im letzten Jahr 1,05 Milliarden Euro investiert. Dies gab der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) Anfang dieses Jahres bekannt. Damit wird zwar der Aufwärtstrend bestätigt, gemessen am BIP liegt Deutschland im europäischen Vergleich jedoch weiterhin auf den hinteren Plätzen und unter dem EU-Schnitt.
Daneben stehen EU-weit Fördermittel zur Verfügung, die jedoch von den Unternehmen oft nicht abgerufen werden. Grund ist, dass die Beihilferegeln der EU für Forschung, Entwicklung und Innovation zu komplex geworden und damit kaum noch praktikabel anzuwenden sind. In der Folge forschen Unternehmen nur noch intern oder stellen die Projekte zurück. Damit bleiben Chancen ungenutzt, um neue Produkte und Verfahren zu entwickeln.

Innovationen ruhen auf wenigen Schultern

Die ZEW-Studie zur „Rolle von KMU für Forschung und Innovation in Deutschland“ kommt zu dem Ergebnis, dass sich insbesondere in kleineren Unternehmen die Innovationsprozesse auf einige wenige Personen im Unternehmen konzentrieren – meist Geschäftsführer und leitende Angestellte im Produktions- und Vertriebsbereich. Aufgrund der Verantwortung für verschiedene Aufgabenbereiche dieser Personen und deren hohe zeitliche Belastung kann es zu Schwierigkeiten in der Umsetzung von Innovationsprojekten führen und den Erfolg gefährden.

Doch selbst wenn sich Unternehmen aktiv nach einem Start-Up als Partner umschauen, werden diese lange suchen müssen. Denn es ist in Deutschland durchaus ein Standortnachteil, dass es keine echte Start-Up-Kultur gibt. Die Hauptstadt Berlin hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt und gute Beispiele für Start-Ups, insbesondere im IT-Bereich,hervorgebracht. Doch eine vergleichbare Gründungsdynamik in den anderen Metropolregionen bleibt derzeit noch aus.

Neue Wege gehen für eine erfolgreiche Zukunft

Die Chemie ist innovativ – bei der Verbesserung bestehender und der Entwicklung kundenspezifischer Produkte. In Rheinland-Pfalz gibt es gute Beispiele, über die wir im Chemie-Magazin „Wir. Hier.“ regelmäßig berichten. Die Unternehmen der Branche sind nicht nur erfolgreich bei kundenorientierten Innovationen, sondern auch bei Neuerungen. Die Chemieverbände Rheinland-Pfalz bieten als Dienstleister die Möglichkeit des brancheninternen Austausches. Im Netzwerk der Unternehmen können bestehende Herausforderungen praxisnah erörtert werden. Denn die Unternehmen stehen bei ihren Bestrebungen für mehr Innovation vor vielfältigen Herausforderungen, wie in Gesprächen immer wieder deutlich wird.

Die Herausforderungen liegen neben dem hohen bürokratischen Aufwand und dem ausgeprägten Regulierungswillen des Gesetzgebers auch in unserer Einstellung zu neuen Wegen. In Gesellschaft, Politik und Wirtschaft scheint zum Teil die Freude an der Entdeckung neuer Wege zu fehlen. Die Chemieverbände begleiten ihre Mitgliedsunternehmen auf den neuen Pfaden. Das wünschen wir uns von der Politik auch.

Welche neuen Wege bei den Chemieverbänden Rheinland-Pfalz beschritten werden, lesen Sie im Kommentar von Christian Metzger.

* ZEW Befragungen zwischen 2006 und 2010
** Studie „Rolle von KMU für Forschung und Innovation in Deutschland“ aus dem Jahr 2016, bezieht sich auf die Jahre 2011 und 2013

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