Digitalisierung nervt!? – Über Hype und Nutzen für die Unternehmen

Digitalisierung nervt

Die digitale Revolution hat begonnen – so eine häufige Überschrift in den Medien. Während die Konsequenzen für die unternehmerische Praxis meist unklar sind, liest man oft austauschbare Floskeln vieler „Experten“.

„Unsere Digitalisierung ist abgeschlossen – die Anlagen sind automatisiert, deren Steuerung erfolgt digital und unsere Bürokommunikation erfolgt per E-Mail“ – hinter dieser Aussage eines Unternehmers verbirgt sich mehr als eine bloße Feststellung. Bereits heute ist die Prozessleittechnik digitalisiert und die chemische Industrie beschäftigt kreative Köpfe, die Wissen sammeln, auswerten und für die Unternehmen nutzbar machen – in der Forschung und Entwicklung oder Prozessoptimierung.

Warum nervt Digitalisierung?

Daher wird die aktuelle Diskussion von zunehmend mehr Unternehmern wahrgenommen als Industrie 4.0-Phrasen-Drescherei mit allgemeinen Floskeln. Mitunter erscheinen die Manager genervt von inflationären Disruptiv-Weisheiten und austauschbaren Erläuterungen zu Vorteilen von Big Data und dem Internet der Dinge. Fast schon belästigt von Beratern und Experten, fehlt es den Geschäftsführern an Optionen und Hinweisen zum konkreten Nutzen im Betrieb. Wenig hilfreich ist dabei das Marketing-Sprech, welches bekannte Prozesse durch neue Begriffe erklärt und damit bei den Entscheidern nichts bewirkt.

Was ist dran an der vierten industriellen Revolution?

Momentan sind noch nicht alle Vorteile der Digitalisierung ersichtlich. Auch, weil wir an vielen Stellen erst am Anfang stehen. Unternehmen, die sich derzeit damit beschäftigen, stecken in einer Trial-and-Error-Phase. Dies bedeutet auch Umdenken in der Erwartungshaltung: Den einen großen Wurf, der das Unternehmen revolutioniert, gibt es nicht. Aber Ideen, die einzelnen Schritten in der Realität getestet werden, sind durchaus denkbar. Wie das funktionieren kann, zeigte ein Treffen der Ausbilder in Ludwigshafen. Die Fachgruppe, die sich regelmäßig unter dem Dach der Chemieverbände Rheinland-Pfalz trifft, erlebte die Digitalisierung in der Ausbildung der BASF – mit Tablets, Lernsoftware und Augmented Reality. Hier wurde deutlich, dass mit smarten Projekten sichtbarer Erfolg möglich ist.

Die Digitalisierung hat gerade in der Chemie viele Facetten – mehr als mancher externer Berater meint. Die zwei Branchenverbände bieten bereits Tools und Studien an, um die Unternehmen auf dem Weg zum Standard von morgen zu begleiten. In seiner Chemie 4.0-Studie veröffentlichte der Verband der Chemischen Industrie, wie die Branche von der Digitalisierung profitieren kann: Nicht nur durch Effizienz in der Produktion, sondern auch durch datenbasierte

Betriebsmodelle oder neue digitale Geschäftsmodelle. Auch Tools für den innerbetrieblichen Innovationsprozess gehören dazu. Die Chemiearbeitgeberverbände bieten den Mitgliedern eine Toolbox „Arbeiten 4.0“ an. Unter dem Dach des Bundearbeitgeberverbands Chemie entwickelten Vertreter aus Unternehmen und Verbänden Checklisten, Leitfäden und  Handlungsempfehlungen. Sie enthalten praxisbewährte Umsetzungstipps zu den Auswirkungen der technischen Seite der Digitalisierung. Dabei liegen die Schwerpunkte der Themen auf ort- und zeitflexibles Arbeiten, Aus- und Weiterbildung, gutes und gesundes Arbeiten sowie Beschäftigtendatenschutz. Die Toolbox 4.0 ist im Mitgliederbereich unter www.chemie-rp.de abrufbar.

Gibt es einen Zwang zum Handeln?

Zwar sieht Deloitte für die chemische Industrie keinen dringenden Handlungsbedarf (vgl. Überlebensstrategie „Digital Leadership“, 2015, S. 5 „Lange Lunte, kleiner Knall“). Am Beispiel der Ausbildung kann man jedoch erkennen, dass fünf oder auch acht Jahre keine lange Zeit sind. Denn die Aufgabe in der Ausbildung besteht darin, die jungen Menschen auf den zukünftigen Arbeitsplatz vorzubereiten. Und bei einer Ausbildungszeit von 3,5 Jahren, sollten die Unternehmen keine Zeit ungenutzt verstreichen lassen, um bereits jetzt Module mit digitalen Lerninhalten in die Ausbildung zu integrieren. Die Chemie-Sozialpartner haben bereits die notwendigen Voraussetzungen geschaffen, da ab August eine solche Möglichkeit in der Ausbildungsverordnung zum Chemikanten vorgesehen ist. Der Fokus sollte jedoch nicht nur darauf liegen, wie die Azubis auf den zukünftigen Arbeitsplatz vorbereitet werden können. Auch die Ausbilder müssen berücksichtigt werden, die ihre Erfahrungen in den chemischen Herstellungsprozessen mit den neuen technologischen Möglichkeiten in der Lehre verknüpfen müssen.

Vernetzen wir uns!

Besonders wir in der verarbeitenden Industrie stehen vor der Herausforderung, dass bestehende Geschäftsmodelle nicht einfach über Bord geworfen werden können, weil jetzt alles disruptiv sein muss. Damit stellt sich wieder die Nutzenfrage, da es auch zukünftig noch Unternehmen geben muss, die reale Produkte herstellen. Diese Frage kann am ehesten beantwortet werden, wenn die Kenntnis der eigenen Prozesse im Unternehmen mit dem Wissen über technologische Möglichkeiten abgeglichen werden. Nur so kann definiert werden, wo sich der Einsatz neuer Technologien lohnt. Ineffiziente Prozesse durch Digitalisierung schneller zu machen, greift zu kurz. Hilfreich ist dabei, die Fachleute aus allen Bereichen des Unternehmens an einen Tisch zu bringen.

Digitalisierung muss nicht nerven und kann einen konkreten Nutzen bringen. Über die bereits angesprochenen Tools unterstützen die Verbände ihre Mitglieder, sich in Expertenkreisen mit den digitalen Trends zu befassen und zu bewerten, was Hype und was eine zielführende Entwicklung ist.

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